Die Nacht der Ætheria – Graun des Morgens 04

Sœlve hätte nicht einmal im Geringsten mit solch einer Reaktion von Mia gerechnet und bevor sie irgendetwas anderes tun konnte, stand sie auch schon auf ihren Beinen. Leider war Mia so stürmisch, dass sie mit ihrem Bein am Tisch entlang schrammte und sich ein längerer roter Strich abzeichnete. Mia bemerkte es aber erst, als Sœlve sich vorsichtig über ihre Wunde strich um sicher zu gehen, dass nichts wirklich schlimmes passiert war.

Sie hielt einen Moment inne und versuchte unbeholfen ihre Hand auszustrecken, die nun vollkommen zitterte. Das Allerletzte, was sie an diesem Tag machen wollte, war ihrer Freundin auch nur ein wenig wehzutun.

Nach wenigen Augenblicken bemerkte Sœlve die zitternde Hand, schaute auf und sah dabei, dass sich in Mias Augen schon kleine Tränchen gebildet hatten. Anstatt etwas zu sagen, zog sie ihre Freundin an sich heran und nahm sie in den Arm um sie ganz fest zu drücken.

„Hey… es ist ja nichts passiert… ich war nur gerade ein wenig überrascht von deinem Aufspringen.“, flüsterte sie in Mias Ohr, während sie vorsichtig mit ihrer Hand über Mias Rücken streichelte.

Während sie vor dem Zelt standen und Mia leise an Sœlves Schulter schluchzte, gingen vereinzelt Besucher des Marktes an ihnen vorbei, beachteten sie aber kaum. Im Hintergrund knackte immer wieder das Holz im lodernden Feuer, dessen Flammen den Platz mehr erhellten als die Lampions an den Zelten. Schließlich meinte Sœlve mit sanfter Stimme:

„Na komm, mein kleiner Wasserfall… du wolltest doch unbedingt zu der Wahrsagerin… wollen wir das Zelt jetzt suchen gehen?“

Mit feuchten Augen schaute Mia sie an und statt zu antworten, nickte sie nur kurz mit dem Kopf und rieb sich mit den Händen ihre Augen um die Tränen wegzuwischen.

Ohne weitere Worte ergriff sie Sœlves Hand und sie schlenderten weiter über den Markt. Wieder kamen sie an zahlreichen bunten Zelten vorbei, in denen kuriose und spannende Dinge angeboten wurden.

Auf einmal standen sie vor einem Zelt, das sich von den anderen deutlich unterschied. Die Seiten waren aus einem wunderschönen lila Samt, der im Gegensatz zu den seidenen Zelten sehr schwer aussah. In den Samt waren Sterne und Planeten eingewebt und die Lampions sahen aus wie der Planet Saturn. Der Anblick war für die Freundinnen überwältigend. Über dem Eingang befand sich ein Schild, auf dem in goldenen Buchstaben „Lady Mysteria“ stand. Auch ohne dieses Schild hätten die beiden sofort gewusst, dass dies das gesuchte Zelt war.

Sanfte Musik drang aus dem Eingang und ihre Neugier war geweckt. Vorsichtig betraten sie das Zelt, dass ihnen wieder den Atem verschlug. Der ganze Boden war übersät von bunten Kissen, die sich an den Wänden bis an die Decke stapelten. In der Mitte befand sich ein kleiner, unscheinbarer Tisch aus Ebenholz auf dem sich nur eine Glaskugel auf einem goldenen Sockel befand.

Um den Tisch herum lagen drei große Kissen und auf einem saß eine junge Frau in einem langen, schwarzen Kleid. Einen winzigen Augenblick dachte Sœlve, dass ihnen Lilly gegenüber saß, da auch diese Frau einen violetten Bob und sanfte blaue Augen hatte. Jedoch verflog dieses Gefühl, als sie in einer sanften Stimme anfing zu sprechen.

„Möchtet ihr etwa zu mir? Dann zieht bitte eure Schuhe aus und nehmt Platz“

Leicht verdutzt schauten sie sich an und zogen dann rasch ihre Schuhe aus und setzten sich auf die beiden freien Kissen. Diese waren noch gemütlicher, als sie schon ausgesehen hatten. Als sie es sich gemütlich gemacht hatten, fing sie an in einem Singsang zu erzählen

„Ich bin Mysteria und kein Geheimnis bleibt vor mir verborgen.“

Mia stockte der Atem, als sie sah wie sich die Glaskugel mit grauem Rauch füllte. Leicht belustigt beobachtete Sœlve das Geschehen und dachte sich, dass es ein gut gemachter Trick wäre, aber wohl nicht mehr.

„Ah… du zweifelst also an meiner Kraft liebe Sœlve?“, fragte Mysteria mit einem schelmischen Lächeln im Gesicht. „Natürlich kenne ich deinen Namen… deine Freundin scheint echte Magie schneller zu erkennen als du“, fuhr sie wieder in ihrer Stimme von vorher fort. Nun war auch sie vollkommen Baff.

Eigentlich wollte Sœlve schon etwas erwidern, biss sich aber auf die Zunge und schwieg.

„Mit welcher von euch beiden zauberhaften Damen darf ich denn anfangen? Vielleicht du liebe Mia?“, während sie dies sagte veränderte sich der Rauch in der Kugel, der eine Form angenommen hatte, die fast so aussah wie ein kleiner Fuchs.

„Gib mir einfach deine Hand und ich kann dir sagen, was die Zukunft für dich bereit hält“, fuhr sie fort und ergriff Mias linke Hand, die nun ein wenig zitterte.   

„Ich sehe Trauer in deiner Zukunft und einen Funken Eifersucht, aber die musst du nicht haben. Durch diese Angst wirst du mehr verlieren, als du es dir jetzt gerade vorstellen kannst… und einen Grund gibt es für dich nicht…“, Mia schaute sie mit aufgerissenen Augen an und wollte was sagen, doch die Worte blieben ihr im Halse stecken.

Noch bevor Sœlve etwas sagen konnte, hatte Mysteria auch ihre Hand ergriffen und starrte eine Weile auf sie hinab. Während sie immer kritischer schaute, veränderte sich der Rauch vom Fuchs zu etwas, das ein Vogel hätte sein können.

„Ich sehe ein Feuer in deiner Zukunft. Ein Feuer, dass in dir und um dich herum brennt. Du bist zu eigensinnig und willst alles alleine schaffen, aber mit diesem Hochmut wirst du stürzen und deine Flügel werden dich nicht halten können. Du willst für andere da sein, aber du musst den Moment erkennen, wenn du die Hilfe anderer brauchst…“

Auch um ihre Stimme war es nun geschehen und sie konnte nichts sagen. Stattdessen schaute Sœlve nur Mysteria vollkommen verwirrt an.

„Und nun verlasst augenblicklich mein Zelt!“, mit diesen Worten ließ sie beide Hände los und zeigte mit ihrem ausgestreckten Arm zum Ausgang des Zeltes.

Wortlos erhoben sich die beiden, nahmen ihre Schuhe und verließen das Zelt ohne sich vorher die Schuhe wieder anzuziehen. Erst als sie sich ein paar Meter entfernt hatten, schauten sie sich wieder an.

„Bitte was war das denn für eine Aktion?“, murmelte Mia vor sich hin, während sie sich ihre Schuhe wieder anzog. Anstatt zu antworten schaute sich Sœlve noch einmal um, um einen letzten Blick in das Zelt zu werfen, doch war es nun vollkommen leer und die Lampions waren erloschen. Ihr Bauchgefühl sagte ihr, dass es vielleicht ganz gut so war.

Wieder gingen sie langsam über den Festplatz und kamen wieder am großen Feuer in der Mitte an. Von allen Seiten kamen nun Männer in Kostümen mit Fackeln auf sie zu. Die angenehme Musik, die vorher noch gespielt wurde, erlosch langsam und ein Männergesang setzte ein.

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