Die Nacht der Ætheria – Graun des Morgens 01

Auch diese Nacht wurde Sœlve von schlimmen Albträumen verfolgt. Zwar wachte sie davon nicht auf, doch ihre Albträume wurden immer heftiger, je heller draußen das rote Leuchten wurde. Selbst Mia, die sonst absolut nichts um ihren tiefen Schlaf bringen konnte, schlief sehr schlecht.

Während der ganzen Nacht breitete sich das rote Licht pulsierend bis in die entferntesten Winkel der Welt aus und hinterließ am Morgen einen leichten Schleier in der Luft, der fast an Nebel erinnerte.

Am Morgen, als Sœlve irgendwann vollkommen schweißgebadet nach zahllosen Träumen aufwachte, fühlte sie sich einfach nur schrecklich müde und kraftlos. Trotzdem schaffte sie es irgendwie aufzustehen und sich in der Küche einen Tee zu kochen. So saß sie am großen Küchentisch während der Tee abkühlte und langsam trinkbar wurde. Seitdem sie sich erinnern konnte, war sie nicht in der Lage heiße Getränke zu trinken. Woran das nun lag konnte ihr aber auch niemand sagen.

Nachdem die Tasse leer war und auch aus Mias Zimmer keine Geräusche kamen, ging sie ins Bad um sich die Wanne mit einem Badeschaum volllaufen zu lassen. Erst als der Schaum sich schon so sehr aufgetürmt hatte, dass er fast überlief, stoppte sie den Wasserhahn, legte ihre Herzkette in ein kleines Regal über der Wanne um schließlich langsam in das heiße Schaumbad hinein zu gleiten. Fast augenblicklich lief ihre sonst weiße Haut dezent rot an und erinnerte an einen Hummer. Während sie so im heißen Wasser lag, fing sie an sich wieder zu entspannen und müde zu werden. Die Zeit floss langsam dahin während ihre Gedanken sich beruhigten.

Als es an der Tür klopfte, war es dann mit der Ruhe im Kopf erstmal wieder vorbei. Ohne abzuwarten schaute auch schon der Kopf von Mia durch die Tür hinein und grinste sie an.

„Und was hättest du gemacht, wenn ich jetzt auf der Toilette gesessen hätte?“, scherzte Sœlve mit ihrem rosa angelaufenen Gesicht.

„Dann hättest du wahrscheinlich die Tür abgeschlossen oder nun gequietscht wie ein kleines Mädchen“, antwortete sie und streckte ihr die Zunge heraus.

Sie betrat das Badezimmer, setzte sich zu Sœlve auf den Wannenrand und schaute sie nur an ohne etwas zu sagen. Sœlve war noch vollkommen mit dem wohlriechenden Badeschaum bedeckt und es störte sie nicht, dass Mia jetzt hier saß. Mia sah auch so aus, als ob sie etwas sagen wollte, doch sie schwieg. Daher schwieg auch Sœlve einfach und tauchte kurz in den Schaum hinein.

„… eigentlich heute schon rausgeschaut?“, war alles was Sœlve verstand als sie wieder aufgetaucht war.

„Wieso sollte ich rausgeschaut haben? Ist da irgendwas los?“, erwiderte sie leicht verwirrt.

„Na weil es draußen irgendwie… nicht so hell ist, wie es sein sollte…“

„Okay… das verstehe ich nun echt nicht…“

Damit war Sœlves Verwirrung nun so komplett, dass sie überlegte wieder aus der Badewanne herauszukommen, auch wenn sie es schnell wieder bereuen würde. Nach einer kurzen Stille räusperte sie sich

„Also was ist denn nun los meine Süße?“

„Es ist irgendwie komisch draußen… das musst du dir selbst mal anschauen…“, stammelte sie leise vor sich hin.

„Na gut… gib mir noch fünf Minuten und ich komme aus der Wanne raus. Ich brauch noch ein bisschen diese Wärme“, erwiderte sie darauf hin. „Wenn du magst, kannst du ja trotzdem so lange hier bleiben.“

Keine von beiden sagte mehr etwas bis Sœlve sich wieder bewegte, Mia ihr ein Handtuch reichte und dann den Raum verließ.

Kurze Zeit später verließ auch sie, mit Handtüchern um sich und ihre Haare gewickelt, das Bad und fand Mia auf dem Sofa im Wohnzimmer über eine Tasse Tee gebeugt sitzen. Nachdem sie sich schnell in ihrem Zimmer angezogen hatte, setzte sie sich neben ihre Freundin und schaute zum ersten Mal an diesem Tag aus dem Fenster.

Da es fast Mittag war, hätte es tatsächlich viel heller sein müssen, doch auch wenn keine einzige Wolke am Himmel stand, sah der Himmel nicht blau sondern gräulich aus. Die Sonne schien auch dort wo sie sein sollte, aber trotzdem war es so als ob sich ein Unwetter anbahnen würde.

„Hast du schon einmal das Radio eingeschaltet?“, fragte sie ihre Freundin, die daraufhin ohne ein Wort zu sagen in ihr Zimmer ging und ein kleines Taschenradio holte.

Sie hörten einige Zeit dem eingestellten Sender zu, bis sie irgendwann einen anderen einschalteten. Doch auf allen Sendern gab es immer wieder nur die selben Aussagen, Befürchtungen und Spekulationen. Was die Wissenschaftler, die für Interviews zur Sprache kamen, am meisten irritierte war, dass weder auf Satellitenbildern etwas zu sehen war, noch irgendwelche Analysengeräte etwas ungewöhnliches zeigten. Der Luftdruck und alles andere, was Anomalitäten hätte aufweisen können, war vollkommen in Ordnung. Nur dass sich diese Trübheit überall auf der Welt ausgebreitet zu haben schien.

Unweigerlich musste Sœlve an das Himmelsauge denken, doch sie glaubte nicht daran, dass sich dies wiederholt haben könnte. Wobei sie inzwischen so viel erlebt hatte, dass es vielleicht doch sein könnte. Während sie darüber nachdachte kamen ihr immer wieder Gedanken an ihre Freundin Lilly. Würde sie dasselbe denken?

Sie griff zu ihrem Handy und versuchte sie anzurufen, doch es ging nur ihre Mailbox ran.

„Naaa toll… da hast du schon einen Vampir als Freundin und erreichst sie mal wieder nicht, wenn es wichtig wäre“, murmelte sie leise vor sich hin.

Nach einiger Zeit schaltete sie das Radio, trotz den Protesten von Mia aus.

„Na komm… ich hab echt Hunger und wir müssen dringend einkaufen gehen, bevor wir etwas schönes kochen können.“

Wiederwillig ließ sich Mia dazu überreden, das Haus zu verlassen. Als sie vor die Tür traten, nahm Sœlve einen leichten Geruch von frisch gemähtem Gras und einen sanften Hauch von Feuer wahr.

Da Mia aber nichts von sich aus sagte, erwähnte sie es auch nicht. Vielleicht bildete sie es sich ja nur wieder ein. Nach nur wenigen Schritten ergriff Mia wieder einmal Sœlves Hand und sie schlenderten zum Supermarkt, der nur wenige Straßen entfernt war.

Auch wenn dieses Zwielicht ein wenig bedrückend wirkte, waren viele Menschen unterwegs, sprachen aber kaum miteinander. Im Markt selbst konnten sie ein paar Gesprächsfetzen auffangen, die sich alle nur mit dem selben Thema befassten…

Als sie das Geschäft verließen, fiel ihnen ein Flyer am Mitteilungsbrett, auf. Er war goldfarbig und sah fast aus, als würde er aus einer anderen Zeit stammen.

Großer Markt der Gefühle

Erleben Sie den Zauber der Welten und Zeiten

lassen Sie sich in wahre Wunder begleiten

Feiern Sie mit uns die Magie, die Liebe und ihre Träume

Ab heute am Wolfsweg auf dem Festplatz!

 


Nachdem die beiden Freundinnen den Flyer durchgelesen hatten, schauten sie sich an und wussten, was die andere dachte.

Den Markt würden sie besuchen und sich einen schönen Abend machen.

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