Die Nacht der Ætheria – Rot die Nacht 03

Der Bus fuhr los und der kleine Ort, an dem sie nun für einige Wochen ihr Praktikum verbracht hatte, verschwand schnell hinter einer Kurve, die in ein Gebirge führte.

Es schien gerade Schulschluss gewesen zu sein, da der Bus voller Kinder war. Selten zuvor war sie so froh über ihre Kopfhörer, da sie ihre Musik so laut aufdrehen konnte, dass sie das Geschrei der Schüler nicht hören musste.

Dennoch war sie neugierig und blickte sich im Bus unauffällig um um zu sehen, wer noch im Bus war. Bis auf auf zwei Männer waren außer ihr tatsächlich nur Kinder auf den Bänken. Sie hatte Glück dass sie am Fenster sitzen konnte und neben ihr der Platz am Gang frei geblieben war. Die Musik tat ihr gut, als sie verträumt die vorbeiziehende Landschaft beobachtete. Auf der Hinfahrt war sie erst sehr spät angekommen und musste, zu ihrem Leidwesen, über eine Stunde in der Kälte und im Nebel auf den Bus warten, da ihr ein falscher Busfahrplan zugeschickt worden war. Von der Fahrt zum Ort hatte sie auch kaum was mitbekommen, da ihr immer wieder die Augen zugefallen waren. Daher genoss sie es jetzt um so mehr alles anschauen zu können.

Die Wälder wechselten sich mit Felsgestein in den spannendsten Formen ab. In alten Märchen und Legenden sagt man, dass es hier Feen und Trolle gegeben hat und vielleicht auch immer noch gibt. Einige der Felsen sahen tatsächlich so aus, als ob dies mal Fabelwesen gewesen sein konnten. Vielleicht waren ja einige Trolle von dem Aufgang der Sonne überrascht worden und deshalb zu Stein geworden. Sie mochte es sich dies vorzustellen, da sie aber auch wusste, dass es tatsächlich mehr gab, als sich viele Menschen vorstellen konnten oder wollten. Ganz kurz musste sie an Suma und Anthos denken, die ihnen immer wieder das Leben schwer gemacht hatten. Und nachdem was sie in Atlantis erlebt hatte, könnte wirklich alles wahr sein.

Nach einiger Zeit schlängelte sich die Straße an einem Abhang entlang, aus dem weißgräulicher Nebel aufstieg, der alles zu verschlucken schien. Trotzdem fuhr der Bus, nachdem das Licht eingeschaltet wurde, mit unveränderter Geschwindigkeit weiter. Während Sœlves Gedanken nach wie vor wo anders schwirrten schaute sie verträumt aus dem Fenster bis sie irgendetwas in die Realität zurückholte.

Hatte sie eben aus dem Augenwinkel einen riesigen versteinerten Ochsen gesehen? Sie rieb sich die Augen und versuchte im Nebel hinter dem Bus noch was zu erkennen. Doch durch die Nebelwand gab es nichts, was sie entdecken konnte.

Als sie sich wieder sicher war, dass sie es sich eingebildet haben müsste, erwärmte sich auf langsam etwas auf ihrer Brust. Es dauerte einige Sekunden, bis Sœlve realisierte, dass es ihr Herzanhänger mit dem rot-weißem Kristall war, den sie vor einiger Zeit geschenkt bekommen hatte. Immer, wenn sie in Gefahr war leuchtete der kleine Stein rot auf und wurde warm. Ihre Schläfrigkeit, die sie bis eben noch träumen ließ war auf einmal verschwunden. Bevor Sœlve auch nur einen einzigen Gedanken fassen konnte, krachte es ohrenbetäubend über ihnen. Eine Steinlawine brach sich den Weg von oben hinunter zur Straße und begrub alles, was sich nicht in Sicherheit bringen konnte. Immer mehr riesige Brocken wurden von der Lawine erfasst und verstärkten das schon vorher ohrenbetäubende Geräusch zu einem Grollen, das klang, als würde die Welt untergehen. 

Der Busfahrer reagierte sofort, indem er das Fahrzeug beschleunigte und wie im Blindflug vor der Lawine floh. Die Kinder, die vorher noch vor Freude getobt hatten schrieen nun vor Panik lauter als zuvor. Ohne dass es Sœlve gemerkt hatte, hatte sich von Sœlves Rücken ein leichtes grünes Schimmern um sie gelegt. Zu ihrem Glück waren alle so in Panik vor der Lawine, dass niemand dieses Leuchten bemerkte.

Sœlves Anhänger wurde noch wärmer und auch das rote Leuchten fing an sich auf ihrem schwarzen Top auszubreiten. Als sie schnell versuchte ihn mit ihrer Hand zu bedecken erklang ein nicht menschlicher Schrei, der einfach nicht zu der Lawine passen wollte.

Auch wenn die Lawine nicht zu enden schien und es so aussah, als würde sie dem Bus folgen, passierte ihnen, bis sie auf einmal den Nebel verließen, wie durch ein Wunder, nichts. Die nun eingetretene Stille gab ihnen das Gefühl, als ob gar nichts passiert wäre. Es dauerte auch nicht lange, bis wieder Gespräche zwischen den Kindern entfacht wurden.

Nach einer gefühlten Ewigkeit hielt der Bus das erste Mal und die Kinder verließen quietschfidel, als wäre nichts passiert, den Bus, der sich auch rasch wieder in Bewegung setzte. Als Sœlve den Kindern hinterher sah, fing sie an an ihren Nerven zu zweifeln. Für den Hauch eines Augenblicks dachte sie den Jungen gesehen zu haben, der vorhin mit ihr gemeinsam auf den Bus gewartet hatte. Doch mit einem zweiten Blick konnte sie ihn nicht mehr entdecken. Diese Steinlawine musste einfach zu viel für sie gewesen sein. Nun, wo sie zum ersten Mal in Ruhe daran dachte, wurde ihr erst bewusst, dass ihr Amulett aufgeleuchtet hatte. Warum war dies geschehen? Da sie müde war, beschloss sie sich später darüber Gedanken zu machen.

Nach weiteren zehn Minuten hielt der Bus am Flughafen, der gleichzeitig auch die Endhaltestelle war. Während sie den Bus verließ, versuchte sie sich den Bus so genau wie möglich anzuschauen. Wie konnte es sein, dass nach der Lawine nicht ein einziger Kratzer zu sehen war?

Die beiden Männer, die noch mit ihr im Bus gesessen hatten, stiegen nun auch aus und unterhielten sich, als ob nichts gewesen wäre.

Kurzentschlossen sprach sie die beiden an, ob denn so eine Steinlawine häufiger passieren würde. Daraufhin schauten sie beide nur verdutzt an und gingen einfach an ihr vorbei und würdigten ihr keines weiteren Blickes.

Nun war sie vollkommen verwirrt…

Langsam betrat sie den Flughafen, den sie von Außen niemals als Flughafen erkannt hätte. Wenn sie gefragt worden wäre, was das für ein Gebäude sei, dann wäre sie fest davon ausgegangen, dass es einfach ein kleiner Supermarkt sein müsste.

Und wirklich. Der Flughafen war der kleinste, den sie sich jemals hätte vorstellen können. Sie betrat einen kleinen Wartebereich, mit lauter Fernsehern an den Wänden, der direkt zur Gepäckkontrolle führte. Hier war alles total entspannt. Ihr Koffer wurde einmal auf einem Laufband durch ein Röntgengerät gefahren und sie musste durch einen Metalldetektor gehen. Zuhause wurde sogar ein Test gemacht, ob in ihrem Laptop Sprengstoff versteckt sei. Als ihr der Herr am Flughafen erklärte, dass es sehr ernst zu nehmen sei, war sie erstmal in schallendes Gelächter ausgebrochen. Natürlich fand das der Sicherheitsmann alles andere als lustig.

Das Lustige war nun, dass sie tatsächlich durch einen kleinen Supermarkt musste um zu den Saal zu kommen, wo sie auf den Flieger warten müsste. Auch hier gab es wieder so viele Dinge zu entdecken, die sie von zuhause nicht kannte. Jetzt ärgerte sie sich ein wenig darüber, dass sie sich am Vorabend noch ein Kleid gekauft hatte, da sie nun kein Geld mehr für Süßigkeiten hatte. Dann musste es halt so gehen.

Gemütlich schlenderte sie zu den Stuhlbänken im Wartesaal. Als sie sich gesetzt hatte, stellte sie fest, dass auch hier überall Fernsehgeräte an den Wänden hingen und alle das selbe zeigten. Es war eine Aufzeichnung eines roten Lichtes, dass in der Dunkelheit immer heller wurde.
Außer „Breaking News“ konnte sie nichts auf den Bildern erkennen und die Moderatoren redeten so schnell, dass sie auch mit ihren paar Wortbrocken, die sie in der letzten Zeit gelernt hatte, absolut nichts verstand.

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